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zeiträume

Erregende Einblicke in Deutsche Wohnwelten       
 
•  Studenten der Hochschule Coburg dokumentieren
   Einrichtung und Lebensgefühl der Jahre 1900-1999
•  Auf 100 Bildtafeln und Collagen wird gezeigt, wie Möbel und
   Design den jeweiligen Zeitgeist reflektieren.   
 
Schräg gestellte dünne Beine und eine asymmetrisch geformte Platte mit resopalbeschichteter Oberfläche waren typische Merkmale des  „Nierentisches“, der in den 50er-Jahren als Trendmöbel galt. Coktailsessel, Tütenlampe und Nierentisch wurden damals aber auch zu Symbolen des wirtschaftlichen Neuanfangs und des beginnenden Wirtschaftswunders. Heute nennt man die 50er-Jahre deshalb „Nierentisch-Zeitalter“. An diesem und anderen Beispielen zeigt die Schau „Zeiträume – 100 Jahre Leben und Wohnen in Deutschland“ auf der Heim+Handwerk 2007 eindrucksvoll, wie Form, Design und Einrichtungstrends der jeweiligen Epoche in einer engen Beziehung zum Lebensgefühl und den politischen und gesellschaftlichen Ereignissen ihrer Zeit standen.
 
Die einhundert farbigen Bildtafeln dieser Galerie sind Stationen einer Art von „Erinnerungslauf“ in die eigene Vergangenheit, sagt Verena Fritsch vom Designer Collegium in Coburg. „Es geht um eine emotionale Auseinandersetzung mit Aspekten der Geschichte, vergessen geglaubte Bilder entstehen dabei neu und lassen Erinnerungen zu. Man sieht beim Betrachten ein bestimmtes Möbelstück und sagt, das hatten meine Eltern oder ich doch auch einmal“.
 
Das Projekt „Zeit-Räume“ an der Hochschule Coburg startete im Jahr 2000, indem Innenarchitektur-Studenten Fotos und Berichte von Zeitzeugen sammelten. Sie wollten herausfinden, wie sich die Deutschen in den Jahren von 1900 – 1999 einrichteten. Auf der Suche nach den Hintergründen der Gestaltung von Möbeln kam das Projektteam bald auch dem Zeitgeist auf die Spur. Das Team aus rund 100 Studenten verschiedener Semester stieß bei seiner Recherche auf rare Fotos, Musiksammlungen, Kinokarten, alte Zeitschriften und Plakate, bearbeitete sie und setzten sie zu „43 Meter laufende Geschichte“ zusammen.
            
Jede der 100 aneinander gereihten Bildtafeln steht für ein bestimmtes Jahr, darauf sind zeittypische Einrichtungsstücke wie das Sofa der Jahrhundertwende, Bauhaus-Möbel von Walter Gropius oder die erste Wohnlandschaft zu sehen. In großflächigen Collagen werden prägnante Szenen und Objekte aus der jeweiligen Zeit in Erinnerung gerufen. Politische Szenen wie der Kniefall Willy Brandts in Warschau haben darin ebenso Platz gefunden wie andere gesellschaftliche Ereignisse oder technische Erfindungen, die die Menschen bewegten: Titanic, Zeppelin, Mondlandung, VW Käfer, erster Computer oder Maueröffnung. Auch Modetrends wie Minirock oder Schlaghosen flossen in die Darstellung ein, selbst Figuren wie das HB-Männchen, Mecki, Mickey Mouse, Oskar mit der Blechtrommel oder die Maus aus der gleichnamigen Kindersendung tauchen in den Collagen auf.
 
Die Schau führt die Besucher der Heim+Handwerk auf einer spannenden Zeitreise in die deutsche Wohnwelten der letzten 100 Jahre. Kitsch gesellt sich dabei neben Designer-Kollektionen wie der von Luigi Colani oder Peter Maly, Farben wechseln je nach Zeitgeist von klassischem weiß und schwarz zu  schrillem Bunt, Formen und Materialien verändern sich genauso vehement wie der gesellschaftliche Hintergrund: Plastikmöbel meets Beatles und Minirock.    
 
Der Boulevard „Zeiträume“ endet mit dem Jahr 1999 – und ist „doch  irgendwo endlos, weil es aus der Geschichte unendlich viel zu lernen gibt“, wie Prof. Werner Kintzinger von der Hochschule Coburg glaubt. Die Foto-Dokumente sind längst in eine digitale Datenbank eingespeist, die weiter wächst, um später einmal den Blick auf die Trends und den Wohngeschmack unserer Tage freizugeben.

vom 1. bis 9. Dezember 2007